„Leben mit Wert und Würde, bis zuletzt“ – Diskussion um den assistierten Selbstmord

Seit dem Gastbeitrag von Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und anderen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wird das Thema breit diskutiert. Auch bei uns. Lesen Sie ein Interview mit Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller.
 

Sollte der assistierte Suizid in kirchlichen Einrichtungen angeboten werden?
 
Der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie hat dies in einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorgeschlagen. Ulrich Lilie weiß genau, von was er da redet. Als Kinikseelsorger und Gründer des evangelischen Hospizes in Düsseldorf hat er viele Menschen im Sterben begleitet. Er stellt sich da keine Förderung vor, sondern eher ein Zulassen und Begleiten.
Ich sage das deshalb, weil ich dankbar bin, dass wir eine notwendige Diskussion differenziert in unserer Kirche führen. Das Thema geht alle an.
Trotzdem wünsche ich mir das Angebot eines begleiteten Suizids in unseren diakonischen Einrichtungen nicht. Unsere Einrichtungen stelle ich mir eher als eingehegte Räume vor, in denen gilt:  hier werde ich mit dieser Frage nicht konfrontiert, hier gerate ich nicht unter Druck, mein Leben zu beenden, hier kann ich sein und bleiben, auch wenn ich nichts mehr kann, nur noch schwach bin und mich sorge, für andere nur noch eine Last zu sein.  Ohne das Beispiel des Mannes im Nachbarzimmer, der sich von mir verabschiedet, weil er morgen sterben wird, und ohne die dann aufkommende Frage, ob es für die anderen nicht besser wäre, wenn ich das dann auch so täte? Für unsere diakonischen Einrichtungen wünsche ich mir, dass solch ein Druck nicht entsteht und niemals von außen die Frage aufkommt, ob ein Leben es nicht mehr wert ist, da zu sein und bis zum Ende gelebt zu werden.
Ich stelle mir vor, dass die Einrichtungen unserer Kirche und die Hospize solche eingehegten Räume sind. Das würde dann aber auch bedeuten, dass wir uns als Kirche in der palliativen Begleitung und in Hospizen in noch höherem Maße als bisher einbringen und zeigen.
 
Wie müsste ein Angebot aussehen, das Sie befürworten?
 
Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil vor allem das individuelle Selbstbestimmungsrecht betont. Er gesteht jedem Menschen das Recht zu, sich das Leben zu nehmen und dafür auch Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand sagt: ich leide nur noch und möchte sterben. Respekt auch vor dem Mut, den das braucht. Wenn jemand nur noch entsetzlich leidet und sterben möchte, dann empfinde ich das als einen Appell an die Barmherzigkeit.  Schließlich hat Jesus, einen langen qualvollen Tod vor Augen, auch darum gebeten, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht.  In der Gemeinde und im Krankenhaus habe ich das schon manchmal erlebt, dass das Ansehen des Leidens so entsetzlich war und man es auch nicht erleichtern konnte, dass ich nur noch beten konnte: lass es vorbei gehen. Wenn ich mir Fälle vorstelle, bei denen ein begleiteter Suizid möglich sein sollte, denke ich an solche Situationen. Für die Seelsorge stelle ich mir vor, dass es darum geht, dass Menschen die Gewissheit haben, dass der Gott, der sich so ganz dem Leiden von Menschen preisgegeben hat, auch diesen Weg mitgeht. Auch den Weg ins selbstgewählte Sterben.
 
Was sind aus ihrer Sicht wichtige Gesichtspunkte für die aktuelle Diskussion?
 
Ich glaube, was mich beschäftigt, ist vielleicht weniger die Situation des einzelnen, sondern die Auswirkung auf die Gesellschaft. Wie wird es die Gesellschaft verändern, wenn es alle in Ordnung finden, dass man über den Zeitpunkt des Todes selbst entscheidet? Ich wünsche mir, dass meine Kirche dafür eintritt, dass jedes Leben einen Wert und Würde hat, bis zuletzt, auch wenn gar nichts mehr geht.
 
Zugleich denke ich mit Scham daran, dass die Kirchen früher Selbstmörder verurteilt haben und z.B. nicht beerdigen wollten. Wir sollten niemanden verurteilen.
 
Was mich noch beschäftigt, ist die Frage der Differenzierung. Suizidhilfe kann ich mir nur schwer vorstellen bei Menschen, die nicht krank sind, die sterben möchten, weil sie vom Leben nichts mehr erwarten oder eine Krise durchmachen. Das Bundesverfassungsgericht macht da keinen Unterschied. Ich frage mich aber, ob es nicht doch einen Unterschied macht. Als Christin glaube ich ja daran, dass jedes Leben eine offene Flanke für überraschende Wendungen hat. Die Bibel nennt das Wunder.  
 
 
Die Fragen stellte Pfarrer Matthias Weber für die Evangelische Kirchenzeitung Dossenheim. Vielen Dank, dass wir das Gespräch auch hier veröffentlichen dürfen.
 
 
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